Aktuelles

Das Notfalltoilettenprojekt – ein Projekt der Freiwilligen Lukas Newman, Lara Schober und Aaron Schünemann

Projektort:

Pasacaballos – Cartagena
Pasacaballos gehört zum Landkreis Cartagena de Indias und wird der Lokalität 3 (Industrie und Buch) zugeordnet. Der Ort befindet sich an der Mündung des Dique-Kanals in der Bucht von Cartagena, 25 Kilometer von Stadtzentrum entfernt.

Pasacaballos ist eine afro-kolumbianische Gemeinde mit mehr als 17.000 Einwohnern. In der in Kolumbien üblichen Einstufung von Stadtbezirken nach Lebensqualität wird Pasacaballos die niedrigste mögliche Stufe zugeschrieben. Die Bewohner von Pasacaballos werden als durch die Armut gefährdete Menschen eingeschätzt. Der Lebensunterhalt wird durch den inoffiziellen Verkauf von Lebensmitteln, die Arbeit als Busfahrer, Kassierer in Bussen, Hilfsarbeiten bei Bauarbeiten und durch das Chauffieren von Leuten mit Mopeds bestritten. Nur ein niedriger Prozentsatz der Bevölkerung steht unter einem offiziell geregelten temporären oder unbefristeten Arbeitsvertrag in der Industriezone „Mamonal“, welche mit Pasacaballos benachbart ist und ebenfalls zur Stadt Cartagena gehört. Die Agrarwirtschaft und die Fischerei haben im Laufe der Zeit ihre einst große Bedeutung verloren, womit die Möglichkeiten, in diesem Bereich zu arbeiten, immer geringer und weniger lukrativ wurden.

Barrio Madre Herlinda – Pasacaballos

Das im Jahre 2008 offiziell gegründete Barrio Madre Herlinda ist der jüngste Teil der Gemeinde Pasacaballos, und ist heute Heimat von etwa 300 Familien. Ursprünglich handelte es sich bei dem Viertel um eine illegale Landbesetzung als Folge vom explosionsartigen urbanen Wachstum in Pasacaballos sowie der Binnenflucht von Menschen, die durch den bis vor Kurzem andauernden bewaffneten Konflikt aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Nachdem die provisorisch errichteten Behausungen in der Anfangsphase mehrmals von staatlichen Sicherheitskräften zerstört und niedergebrannt wurden, konnte schließlich ein Abkommen mit der damaligen Bürgermeisterin geschlossen werden, das den Einwohnern ein dauerhaftes Bleiberecht zuspricht. Von diesem Zeitpunkt an hat sich die Situation nicht zuletzt aufgrund der Hilfe der Fundacion Madre Herlinda Moises stetig verbessert: Heute leben fast alle Bewohner zumindest in stabilen Holzhäusern und haben Zugang zum öffentlichen Stromnetz, außerdem gibt es mit der Escuela Madre Herlinda Moises seit einigen Jahren eine sehr gute Bildungseinrichtung, die auch Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen Schulbildung ermöglicht.

Trotz allem ist die Lebenslage vieler Menschen auch heute noch immer prekär und von Armut geprägt, was sich auch in schwerwiegenden sozialen Problemen niederschlägt. So gibt es sehr viel Arbeitslosigkeit, einen überproportional großen Anteil an alleinerziehenden, jungen Müttern, eine hohe Analphabetenquote, und wachsende Kriminalitätsrate, die unter anderem auf kriminelle Jugendbanden zurückzuführen ist. Außerdem sind weder Wasser- noch Gasversorgung durch öffentliche Netzte garantiert, was den Alltag und die ökonomische Situation vieler Familien zusätzlich belastet.

Hintergrund/ Problemanalyse/ Ausgangssituation

Die Mutter Herlinde Moises Stiftung setzt sich seit der Entstehung des Barrios für das Gemeinwohl jenes marginalisierten Sektors ein, indem sie die Einwohner bei der Bewältigung der vielen Probleme unterstützt und sie in den wesentlichen Prozessen der Organisation und Gemeindebildung begleitet. Neben der Legalisierung des Barrios ist die permanente Wasserversorgung eines unserer Hauptziele, denn auch nach acht Jahren besitzt das Barrio weder einen Anschluss an die städtischen Wasserleitungen, noch an das öffentliche Kanalisationssystem. Aufgrund dieser prekären sanitären Lage mangelt es in zahlreichen Haushalten an sanitären Anlagen, was für die Bewohner eine extreme Belastung darstellt.

Hygienische und zweckmäßige Toiletten sind nicht nur eine Notwendigkeit eines jeden Menschen, sondern sind auch ein wichtiger Schritt zur Verbesserung von Hygiene und Vorbeugung von Krankheiten. Familien, die keine Toilette besitzen, sind meist gezwungen, ihr Geschäft im angrenzenden Feld zu errichten, was für die Betroffenen weder angenehm noch hygienisch ist, und aufgrund von Schlangenbissen im Einzelfall sogar gefährlich sein kann.

Bis heute ist es uns gelungen, in etwa 40 Haushalten Notfalltoiletten zu installieren, die nach einem simplen Prinzip konstruiert sind und daher auch eher eine Notlösung darstellen als ein dauerhafter Ausweg aus der schwierigen sanitären Lage. Da es allerdings nicht danach aussieht, als würde von Seiten der Stadt in absehbarer Zeit Maßnahmen in diese Richtung getroffen werden, ist der Bau der Notfalltoiletten für uns als Stiftung der einzige Weg, die Situation zu verbessern.

Unser Lösungsansatz

 In den letzten zehn Jahren wurde das Notfalltoilettenprojekt bereits mehrmals erfolgreich von den Freiwilligen der Fundación Madre Herlinda geplant und durchgeführt, wodurch bereits ein großer Teil der im Barrio lebenden Familien eine Toilette erhalten hat. Einige Familien, die ursprünglich nicht zu den Begünstigten der Stiftung gehörten, sind daraufhin dem Beispiel gefolgt und haben selbst die Initiative ergriffen, sich eine Toilette zu bauen.

Vielen Familien fehlt es heute aber schlichtweg an finanziellen Rücklagen, um die Materialkosten bezahlen zu können, außerdem mangelt es oft auch an Unterstützung und der ausschlaggebenden Motivation, um ein solches Projekt in Angriff zu nehmen.

Bei der Wiederaufnahme des Projektes soll es neben der Finanzierung und Bereitstellung des Materials auch die Begleitung und Betreuung der Begünstigten im Vordergrund stehen, da die Begünstigten neben materiellen Sorgen auch oft mit sozialen Problematiken zu kämpfen haben. Mithilfe von Seminaren und regelmäßigen Hausbesuchen sollen die Begünstigten nicht nur über den Ablauf der Projektes informiert werden, sondern auch der Prozess dokumentiert und kontrolliert werden, sowie die Motivation aufrechterhalten werden.

Wichtig ist außerdem eine Ausrichtung nach dem Konzept „Hilfe zur Selbsthilfe“, nach dem die Voraussetzungen zur Hilfe von uns als Stiftung geschaffen werden, es jedoch letzten endlich in der Verantwortung des Begünstigten liegt, sich selbst durch Eigeninitiative zu helfen.

Zu den Begünstigten des Projektes sollen in erster Linie Haushalte zählen, bei denen aus verschiedenen Gründen eine besonders hohe Notwendigkeit bzw. Dringlichkeit zum Bau einer solchen Toilette besteht. Zur Beurteilung des Grades der Notwendigkeit dienen folgende Kriterien: Familiäre Situation (Anzahl der Kinder, Geschlecht, Beziehungsstatus), wirtschaftliche Situation (Einkommen, Beruf), allgemeine Lebenssituation (Zustand der Behausung, Hintergründe der Person, Zukunftsperspektiven).

Zielsetzung

 Hauptziel:

  1. Verbesserung der sanitären Situation im Barrio Madre Herlinda durch den Bau von Notfalltoiletten

Spezifische Ziele:

  1. Bau von Notfalltoiletten in zehn Haushalten benachteiligter Familien
  2. Spenden sammeln und dabei gleichzeitig über das Barrio, seine Geschichte und die aktuelle Situation berichten und informieren;
  3. Verzeichnis der im Barrio lebenden Familien aktualisieren und digitalisieren;
  4. Bewusstsein für die Wichtigkeit von Hygiene und Prävention von Krankheiten entwickeln

Resultate und Indikatoren

  1. Innerhalb von einer Woche wird ein Blogeintrag veröffentlicht, der auf die Problematik des Desplazamientos allgemein in Kolumbien eingeht, die Geschichte des Barrios aufgreift, über die momentanen hygienischen Zustände informiert und zu Spenden aufruft. Dieser wird mehrmals in sozialen Netzwerken geteilt, um die Reichweite zu vergrößern.
  2. Gleichzeitig wird innerhalb von einer Woche in Absprache mit der Ferreteria Alemana ein Kostenvoranschlag erstellt, der die genauen Materialkosten für die Notfalltoiletten auflistet.
  3. Die Ergebnisse der vorherigen Projektdurchläufe werden in Zusammenarbeit mit der Sozialarbeiterin ausgewertet und aktualisiert, sodass nach drei Wochen eine aktuelle und digitalisierte Fassung des Verzeichnisses der im Barrio lebenden Familien besteht.
  4. Aufgrund diverser Kriterien werden Haushalte für das Projekt ausgewählt. Anschließend finden Hausbesuche und Gespräche statt, die einen Einblick in die aktuelle Lebenssituation der Begünstigten geben sollen. Auf Zustimmung des Begünstigten werden außerdem Interviews, Fotos und Videos gemacht, die der Dokumentation des Projektes dienen.
  5. Nach Auswahl der Begünstigten wird im zweiten Monat mit der Unterstützung eines Sozialarbeiters und einem Vertreter des Centro Medicos ein Seminar abgehalten, welches über den Ablauf des Projektes, die Erwartungen beider Seiten und die Bedeutung von Hygiene aufklärt. Daraufhin wird ein Vertrag geschlossen, welcher die zuvor getroffenen Absprachen garantieren soll.
  6. Innerhalb der nächsten beiden Monate wird der Bau der Toiletten realisiert, wobei die Fortschritte regelmäßig kontrolliert und dokumentiert werden.
  7. Während des gesamten Prozesses werden die Spender regelmäßig auf verschiedenen Plattformen über den Verlauf des Projektes informiert, zudem werden besondere Spendenbescheinigungen ausgestellt.

Aktivitäten

  1. Spendenaufrufe zur finanziellen Unterstützung
    Das Internet ist heutzutage eines der effektivsten Medien, um innerhalb eines kurzen Zeitraums viele Menschen zu erreichen. So sind mehr als 75% aller Deutschen online, die Durchschnittsspende ist online ungefähr doppelt so hoch wie über alle anderen Kanäle, der Spender im Internet ist im Schnitt deutlich jünger als sein normaler Vertreter, und der über kein anderes Medium ist der Vorgang des Spendens unkomplizierter. Jedoch Bedarf es auch hierfür einiger wichtigen Vorbereitungen.
    Für eine überzeugende Präsentation des Projektes wird zunächst Material in Form von Interviews, Fotos und Videos gesammelt, die die aktuelle Situation im Barrio wiederspiegeln, und ermöglichen, dass sich potenzielle Spender mit dem Projekt identifizieren können. Diese werden anschließend optisch ansprechend, zusammen mit allgemeinen Informationen über die Problematik des Desplazamiento in Kolumbien sowie der Geschichte des Barrios, auf verschiedenen Internetplattformen veröffentlicht. Zu diesen zählen, neben dem Auslandsblog der Freiwilligen, auch Facebook und Instagram. Die Spender können den zu spendenden Betrag selbst wählen, werden jedoch dazu aufgerufen, das Geld zeitnah zu überweisen, um eine Verzögerung des Ablaufs auszuschließen. Zudem wird nach Erstellung des Kostenvoranschlags ein bereits erstelltes Portafolio an lokale Unternehmen versendet.
  1. Erstellung eines Kostenvoranschlages:
    Der Kostenvoranschlag wird von der Ferreteria Alemana erstellt, und enthält sämtliche Materialkosten, die beim Bau einer Notfalltoilette anfallen. Später wird dieser mit der Summe aller eingegangenen Spenden abgeglichen und berechnet, wie viele Toiletten tatsächlich finanziert werden können.
  1. Aktualisierung und Digitalisierung des Verzeichnisses der im Barrio lebenden Familien:
    Mithilfe der Unterstützung der Sozialarbeiterin des Barrios werden zunächst die Ergebnisse der vorherigen Projektdurchläufe ausgewertet, um feststellen zu können, inwieweit eine Aktualisierung der Verzeichnisse notwendig ist. Die fehlenden bzw. veralteten Daten müssen dann im Zuge von Hausbesuchen und Befragungen im Barrio ergänzt bzw. aktualisiert werden, dies geschieht in Absprache mit der Sozialarbeiterin und dem Vorstand des Barrios. Schließlich werden die gesammelten Ergebnisse digitalisiert und ausgewertet, was die Grundlage für die Auswahl der Begünstigten bildet.
  1. Auswahl der Begünstigten
    Im nächsten Schritt wird aufgrund der zuvor erhobenen Daten und verschiedenen Kriterien eine erste Auswahl an Familien getroffen, die für das Projekt in Frage kommen. Zu den Begünstigten des Projektes sollen in erster Linie Haushalte zählen, bei denen aus verschiedenen Gründen eine besonders hohe Notwendigkeit bzw. Dringlichkeit zum Bau einer solchen Toilette besteht. Zur Beurteilung des Notwendigkeitsgrades dienen folgende Kriterien:
  • Familiäre Situation (Anzahl der Kinder, Geschlecht, Beziehungsstatus),
  • wirtschaftliche Situation (Einkommen, Beruf),
  • allgemeine Lebenssituation (Zustand der Behausung, Hintergründe der Person, Zukunftsperspektiven).

Aufschluss darüber, inwieweit eine Familie ein oder mehrere Kriterien erfüllt, geben Hausbesuche und Einzelgespräche, an denen auch die Pastoralarbeiterin sowie ein Sozialarbeiter der Stiftung teilnehmen. Mit Zustimmung der Begünstigten werden im Zuge dieses Fotos und Videos aufgenommen, die der Dokumentation dienen und im Internet veröffentlicht werden.

  1. Durchführung eines vorbereitenden Seminares inklusive Vertragsschließung
    Nach Abschluss der Auswahlphase werden die Begünstigten zu einem Seminar in der Stiftung eingeladen, wobei die Teilnahme am Seminar obligatorisch für den Erhalt einer Toilette ist. Das Seminar findet an einem Nachmittag in der Woche statt und behandelt Themen wie den genauen Ablauf des Projektes, die Teilnahmebedingungen, die Erwartungen beider Seiten, Erfahrungen aus den letzten Projektdurchläufen, die Bedeutung von Hygiene zur Krankheitsprävention sowie die Umweltverschmutzung durch Fäkalien und Toilettenpapier.

Austeilung von Bauplan und Vertrag, Unterstützung von Centro Medico bzw. Sozialarbeiter

  1. Bau der Toiletten

Der Bau der Toiletten erfolgt eigenverantwortlich sowie in mehreren Phasen und Schritten, wobei die Ausführung aller vorherigen Schritte die Voraussetzung für den Erhalt neuer Materialien und somit der Fortsetzung des Baus ist.

Phase 1: Bau der Sickergrube

  • Schritt 1: Ausheben einer 2 Meter tiefen Grube an einer geeigneten Stelle auf dem Grundstück des Begünstigten
  • Schritt 2: Bau des Mauerwerks
  • Schritt 3: Installationen von Rohren und Schließung der Sickergrube mit Beton

Phase 2: Montieren der Toilettenschüssel

  • Schritt 1: Montieren der Toilettenschüssel
  • Schritt 2: Funktionsweise testen
  • Schritt 3: Bei Fehlern eventuell Ausbesserungen vornehmen

Dokumentation des Projektes in sozialen Medien und Spendenbescheinigungen

Der Verlauf des Projektes wird über den gesamten Projektzeitraum hinweg auf den Plattformen WordPress und Facebook dokumentiert, indem regelmäßig Berichte, Fotos, Interviews und kleine Videos online gestellt werden. Dadurch wird nicht nur direkte und transparente Kommunikation mit den Spendern gewährleistet, sondern auch das Interesse an dem Projekt aufrechterhalten sowie die Reichweite des vergrößert, was für zukünftige Projektdurchläufe von Nutzen sein könnte. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist außerdem, sämtlichen Aktivitäten stets mit einer Kamera zu begleiten und bei der Berichterstattung Quantität  und Qualität zu setzen. Nach Abschluss des Projektes werden schließlich an sämtliche Spender Dankespostkarten verschickt, auf Wunsch kann zudem eine Spendenbescheinigung mit beigelegt werden. Im Falle von deutschen Spendern erfolgt dieser Schritt aus Kostengründen von Deutschland aus.

Vermittlung einer ökologisch nachhaltigen Denkweise sowie eines verbesserten Hygienebewusstseins

Die Vermittlung einer ökologisch nachhaltigen und Hygiene-bewussten Denkweise beginnt mit dem obligatorischen Seminar, bei dem Umwelt- und Hygienefragen thematisiert werden. Anschließend wird auch in Einzelgesprächen immer wieder auf Themen wie Abfallentsorgung, Recycling und Wasserverbauch eingegangen, um die Begünstigten konstant an die Wichtigkeit eines ökologisch nachhaltigen Lebensstils zu erinnern.

Nachhaltigkeit

Insgesamt trägt das Projekt nicht nur zu einer verbesserten sanitären Versorgung einzelner Haushalte bei, sondern verbessert auch insgesamt die hygienischen Zustände im Barrio Madre Herlinda und somit auch die Lebensqualität einer Gemeinde, die in der Vergangenheit schwer dafür arbeiten musste, ein neues Zuhause aufzubauen. Langfristig sind jedoch auch die Notfalltoiletten keine optimale Lösung, eine Anbindung an die städtischen Wasserleitungen und an die Kanalisation müssen daher in den nächsten Jahren das oberste Ziel sein.